Sieben Monate habe ich im Jemen gearbeitet. Die letzten Wochen waren dabei besonders fordernd und berührend. Es gab starke Regenfälle und Überschwemmungen. Eines Abends wurde die Tür unserer Notaufnahme aufgestoßen: Ein Vater trug seinen achtjährigen Sohn herein. Die Eltern hatten ihn ertrinkend in den Fluten gefunden.

Der Junge war bewusstlos und stark unterkühlt. Wir begannen direkt mit der Stabilisierung: Aufwärmen, Krämpfe kontrollieren, Kreislauf stabilisieren, Atemwege sichern. Es war extrem kompliziert, doch es gelang uns. Nach zwei Stunden ging es dem Jungen besser und wir verlegten ihn ins größere Krankenhaus nach Sanaa. Vier Tage später wurde er entlassen. Lachend und gesund. Einer meiner schönsten Momente.

Ärzte ohne Grenzen seit Jahren im Jemen

Doch der Regen war nur eine von vielen Katastrophen im Jemen: Krieg, Armut, hohe Kindersterblichkeit. 20 Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Ärzte ohne Grenzen ist seit Jahren vor Ort. Durch überschwemmte Wege und anhaltende Benzinblockaden brauchten manche Patientinnen und Patienten zwei Wochen, bis sie uns erreichten – viel zu lange, viel zu spät.

Zahlreiche Kinder kamen mit schweren Infektionen und Mangelernährung in unser Krankenhaus. Sie waren teilweise so schwer erkrankt, dass die medizinische Notversorgung zu einem Drahtseilakt wurde.

Wir legten all unsere Energie in diese Kinder, um jede noch so kleine Chance zu nutzen, und erlebten mehr als einmal kleine medizinische Wunder.

In diesen Stunden wurde mir immer wieder bewusst, wie unterschiedlich die Lebensbedingungen in unserer Welt doch sind. Gesundheit ist ein so wertvolles Gut und es ist wichtig, dass die Vereinten Nationen sie zu einem Nachhaltigkeitsziel erklärt haben. Ich bin froh, dass ich mit Ärzte ohne Grenzen meinen Beitrag dazu leisten konnte.

Kinderärztin Annette Werner beim Einsatz in Jemen @msf

Den Zauber des Lebens wahrnehmen

Ich habe im Jemen viel gelernt. Zum Beispiel auch an Wunder in der harten Realität zu glauben und den Zauber des Lebens wieder wahrzunehmen. Mein jemenitischer Kollege Maged fragte mich einmal, was wir in Deutschland sagen, wenn Neugeborene lächeln. Ich ratterte meine erlernte Definition herunter: „Spontanes Reflexlächeln, nicht emotional verknüpft ...“ Daraufhin lächelte Maged und sagte: „Also, wir sagen hier, dass die Engel aus dem Himmel herunterkommen und mit den Neugeborenen spielen – und dann lächeln sie.“ So bewegend – wie mein gesamter Einsatz im Jemen.

Falls Sie mehr darüber erfahren möchten, können Sie dies gerne – im Podcast von Ärzte ohne Grenzen. Ich freue mich, wenn Sie unsere weltweite Arbeit mit Ihrer Spende ermöglichen.

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Ein Beitrag von Ärzte ohne Grenzen

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