Umweltschutz in Gummistiefeln ist das eine. In Budapester-Schuhen funktioniert er aber auch. Und es braucht ihn sogar – Ein Beitrag des WWF

Icon Ziel 13 der globalen Nachhaltigkeitsziele - Maßnahmen zum Klimaschutz

Matthias Kopp trägt Anzug. Oder zumindest ein Hemd, selbst an Tagen ohne Außentermine. T-Shirt, Sneaker, Drei-Tage-Bart – Fehlanzeige. Wie der stereotype Umweltschützer sieht Kopp damit nicht aus. Aber wenn er morgens um acht ins Büro in Berlin-Mitte kommt, ist genau das seine Aufgabe: Matthias Kopp ist Anzug-Aktivist. Im besten Sinne.

Beim WWF Deutschland arbeitet er daran, das deutsche und europäische Finanzsystem nachhaltig aufzustellen. Damit ist er ein Umweltschützer par excellence. Denn das Finanzsystem grüner zu machen, ist einer der wichtigsten Hebel, um unsere Lebensgrundlagen langfristig zu schützen.

Das liegt an den zwei großen Eigenschaften von Geld. Da wäre zum einen die schöne: Geld kann befähigen. Fließt es zum Beispiel

  • in den Ausbau erneuerbarer Energien,
  • in Wiederaufforstungsprojekte,
  • in nachhaltig gemanagte Ackerflächen und Tierzucht,

hilft es dabei, zukunftsfähige Strukturen aufzubauen und aufrechtzuerhalten – und damit die Zerstörung der Natur einzugrenzen, die Erderhitzung unter 1,5 Grad zu halten und den Artenverlust zu bremsen.

Eisbär ohne Schnee an der Küste von Chukotkai, Sibirien © Tom Arnbom / WWF

Dann wäre da die schlechte: Geld kann zerstören. Indem es wiederum Strukturen am Leben hält, die allen das Leben schwermachen. So wie es in Kohlekraftwerke und -minen fließt, obwohl Kohleverstromung der größte Einzelverursacher vom Treibhausgas CO2 ist, das die Klimakrise anheizt. Oder in kommerzielle Sojaplantagen in Südamerika, die sich ihren Platz vom Amazonas-Regenwald rauben.

Matthias Kopps Ziel ist es, dass Geld transformiert. „Geld soll Mittel zum Zweck sein, um veraltete und womöglich schädliche Wirtschaftsmodelle fit für die Zukunft zu machen. Denn das Ziel muss immer sein, möglichst viele Unternehmen mitzunehmen statt sie zurückzulassen“, sagt er. Würden sich Finanz- und dadurch auch die Realwirtschaft nachhaltig aufstellen, würde die Menschheit im Rahmen der planetaren Grenzen leben können. Und das gut.

Aber davon ist sie derzeit weit entfernt. Stattdessen spielt sich das größte Massenartensterben seit den Dinosauriern ab und die durchschnittliche Temperatur hat sich seit der Industrialisierung bereits um einen Grad erhöht. Was das für Auswirkungen hat, erleben auch die Menschen in Deutschland durch die inzwischen häufigeren und extremen Wetterlagen.

Besonders spürbar werden die Folgen der Klimakrise aber andernorts, wo die Einheimischen selbst am wenigsten Verantwortung für die Erderhitzung tragen.

Rentierzüchter in der russischen Arktis bekommen die Folgen der Klimakrise schon heute zu spüren. Bild: © Staffan Widstrand / WWF

Am Beringmeer in der russischen Arktis liegt das Dorf Ryrkaipiy, in dem vornehmlich indigene Chukchi von traditioneller Fischerei leben. Doch in den vergangenen Jahren ist das Leben schwieriger geworden: Die Klimakrise drängt Eisbären verstärkt an Land – und damit auch in das Dorf. Einem hungrigen weißen Riesen wollen aber die wenigsten auf dem Weg zur Schule oder zur Arbeit begegnen.

Gemeinsam mit dem WWF wird im Rahmen eines großen Klima- und Naturschutzprojektes in der russischen Arktis daher nun ein Anpassungsplan an die regionalen Folgen der Erderhitzung erstellt: Wo genau liegen die Probleme, was sind mögliche Lösungen? „Das könnten etwa bessere Müllsammelsysteme sein, damit die Eisbären von den offenen Müllhalden nicht mehr angelockt werden. Die Gemeinde möchte außerdem eine Eisbärenpatrouille einrichten“, schildert Eva Klebelsberg, die das Projekt leitet.

Auch in einer zweiten Projektregion auf der Taimyrhalbinsel im Nordwesten Russlands spüren die Menschen die Folgen der Klimakrise. Hier leben viele Einheimische, die größtenteils zur indigenen Gruppe der Nenzen gehören, von der Rentierzucht. Doch mit den längeren, feuchteren Sommern nehmen die Parasiten zu, die den Rentieren zu schaffen machen. Und damit auch ihren Züchtern.

Bild: © Irina Onufrenya

Gleichzeitig steigt das industrielle Interesse an der Region. „Die Arktis hat sich zweimal so schnell erwärmt wie der Rest der Welt. Wo früher Eis lag, ist heute der Weg frei für Öl- und Gasbohrungen“, erklärt Klebelsberg. Doch der wachsende Rohstoffhunger ist nicht nur schlecht für Klima und Natur: Er ist auch schlecht für die Menschen vor Ort, denn eine Teilhabe an neuen Wirtschaftsaktivitäten ist nicht garantiert. Auch deshalb arbeitet der WWF in seinem Projekt explizit auch mit den Indigenen vor Ort zusammen, die noch viel stärker in Einklang mit der Natur leben und deshalb auch viel unmittelbarer auf eine gesunde Umwelt angewiesen sind.

Und da rücken wieder die Finanzen in den Blick. Damit die Entwicklung nicht in Richtung weiterer Erschließungen von Öl, Gas- und Kohlevorkommen geht, muss das Finanzsystem ein Signal senden: „Mit den Gefahren, die von der Klimakrise und dem Massenartensterben ausgehen, werden manche Geschäftsfelder schlicht zu riskant“, sagt Kopp. „Einerseits, weil weitere Geldflüsse die Probleme an sich verschärfen. Andererseits, weil Wertverluste drohen, wenn die Weltgemeinschaft zum Erhalt der Lebensgrundlagen ernst macht und die Erderhitzung auf möglichst 1,5 Grad begrenzt – wie es in Paris 2015 beschlossen wurde.“

Diese Umwelt- und Klimarisiken sind aber bislang fast noch überhaupt nicht auf dem Finanzmarkt eingepreist, geschweige denn sichtbar. Und wie ein Investment aussieht, das der Wirtschaft hilft, sich nachhaltig und zukunftsfit aufzustellen, dafür besteht auch noch kein gemeinsames Verständnis. Im Gegensatz zu vielen anderen Unternehmen haben zumindest einige Versicherungen die Zeichen der Zeit mittlerweile erkannt und bewerten die Risiken der Klimakrise als enorm.

Damit es hier weiter vorangeht, braucht es neben den WWF Mitarbeitern wie Eva Klebelsberg, die in voller Outdoor-Montur in der russischen Arktis unterwegs ist, auch den Anzugträger Matthias Kopp, der in Berlin, Frankfurt und Brüssel darauf einwirkt, die Finanzprozesse in die rechte Bahn zu lenken. Damit eben keine Ölbohrungen vor der Taimyrhalbinsel finanziert werden, sondern Unternehmen, die selbst klimaneutral werden oder umweltfreundliche Technologien entwickeln.

Bild: © Irina Onufrenya

Und es braucht jeden Einzelnen. Nicht nur, um selbst nachhaltiger zu leben, sondern auch, um Druck auf Politik, Wirtschaft und Finanzwelt auszuüben und damit Veränderungen zu bewirken. Würden alle Verbraucherinnen und Verbraucher ihre Bank nach umweltfreundlichen Produkten fragen, ihre Pensionskasse nach deren Anlagekriterien, ihre politischen Vertreterinnen und Vertreter nach deren Klimaschutzstrategien, würde der Handlungsdrang steigen.

Nichts anderes beweisen die Jugendlichen der Fridays-for-Future-Bewegung, die jeden Freitag ihre Forderungen lautstark kundtun und Antworten auch von der Bundesregierung verlangen, die gegen das Aufheizen des Klimas bislang wenig getan hat. An den Demonstrationen nehmen auch viele der (nicht nur jugendlichen) Unterstützer des WWF teil.

Der WWF fordert ein wirksames Paket an Klimaschutzgesetzen und -maßnahmen bis Ende des Jahres. Die Einbindung des Finanzsektors hat dabei Matthias Kopp mit seinem Team im Blick, während in der russischen Arktis bereits daran gearbeitet wird, welche Lösungen es für die nicht mehr vermeidbaren Folgen der Klimakrise gibt.

So kann am Ende nicht nur SDG (Sustainable Development Goal) 13 – Climate Action erfüllt werden. Die Transformation des Finanzsektors und der Wirtschaft würde für alle Ziele der UN einen großen Schub in eine ökologisch und ökonomisch vertretbare Richtung bedeuten. Viel mehr Umwelt-, Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit geht nicht.

Mehr erfahren und selbst aktiv werden:  

Headerbild: © Staffan Widstrand / WWF