In Bonn arbeitet das Projekt #17Ziele von Engagement Global daran, junge Menschen an Schulen und Hochschulen, auf Festivals und Events, über Film oder Poetry-Slam für die 17 Ziele zu begeistern und zum Mitmachen anzustiften. Das Rezept: ganz viel Kreativität

Ein Beitrag von Engagement Global | Text: Kristina Löhr, Samera Zagala

Bunt ist es im Büro des Projektteams #17Ziele im Bon-ner Stadtteil Gronau: Messestellwände schmücken die Wand, riesige Jenga-Würfel sind in einer Ecke aufgetürmt, Siebdruckrahmen stehen auf dem Regal, ein Stapel Bierdeckel liegt auf dem Schreibtisch. Überall springen das bunte Design der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung und Schlagworte wie „Klimaschutz“, „Gleichheit“ oder „Konsum“ ins Auge.

Das riesige-Jenga-Spiel ist fester Bestandteil des 17-Ziele-Mobils

17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung auf dieser Welt erreichen – das klingt erst einmal wie eine wirklich große Aufgabe. Das sieht auch Christian Mäntele, Leiter des Projekts #17Ziele von Engagement Global so. „Mit den Zielen haben wir jetzt aber erstmals einen Plan für nachhaltige Entwicklung, eine Landkarte dafür, wie wir vorgehen wollen“, erklärt er. Dabei handele es sich nicht nur um Themen, die allein von Politik und Wirtschaft auf der ganzen Welt behandelt werden sollten; die Umsetzung fange im Kleinen an, bei jedem einzelnen Menschen – auch hier in Deutschland, so Christian Mäntele. „Die Frage ist doch: Was kann ich beitragen, um die 17 Ziele Wirklichkeit werden zu lassen?“
Um das zu verdeutlichen, hat Engagement Global im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung kreative Wege gefunden, die junge Menschen für die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung begeistern.

Spielerisch und konkret statt abstrakt und komplex

Das ist die Devise des Teams in Bonn: Die Ziele sollen Spaß machen. So ist man mit einem eigens umgebauten Schäferwagen auf Musikfestivals, Messen und Veranstaltungen unterwegs. Wo immer das farbenfrohe 17-Ziele-Mobil auftaucht: Es ist ein Hingucker und weckt Neugier. Ob beim Haldern Pop Festival, bei Lollapalooza oder auf der Fanmeile der Leichtathletik-Europameisterschaft in Berlin: Die Menschen schauen vorbei, kommen ins Gespräch, probieren einfach mal aus, mit einem Fahrrad zur Energiegewinnung ihr Handy aufzuladen, oder stapeln riesige Jenga-Würfel im 17-Ziele-Look – auch, um zu erkennen, wie die einzelnen Ziele zueinander stehen. Immer wieder beeindruckt sind Jung und Alt vom 3-D-Erlebnis, bei dem virtuelle Brillen sie mitten in ein Flüchtlingscamp in Jordanien versetzen.

Im Gespräch erlebt das Projektteam oft, dass sich gerade junge Menschen intensiv mit Nachhaltigkeitsthemen beschäftigen. Konsum, Mobilität und Umweltschutz stehen dabei im Fokus. Das gilt es mit den 17 Zielen zu verknüpfen und gleichzeitig aufzuzeigen, was die jungen Menschen direkt in ihrem Umfeld wie Schule, Freundeskreis, Familie, Verein oder Stadt tun können. „Wir müssen die nachhaltigen Entwicklungsziele auf den Alltag der Menschen herunterbrechen und ihnen deutlich machen, warum die Ziele auch sie betreffen und wie viel auch von ihrem Alltagshandeln abhängt“, erklärt Christian Mäntele. Dazu eignen sich einfache und praktische Tipps für nachhaltigen Konsum wie zum Beispiel Strom zu sparen, weniger Wasser zu verbrauchen, keine Lebensmittel zu verschwenden. So könne es gelingen, die Menschen zu motivieren und zu ermutigen, sich aktiv für die Nachhaltigkeitsziele in ihrem Alltag einzusetzen.

„Die Auseinandersetzung mit den 17 Zielen hat mich motiviert, selbst aktiv zu werden.“

So sieht es Simon Baumann, einer der Regisseure des Spots „Schwarzes Loch“. Ihn hat die kreative Herangehensweise inspiriert. Sein Film über die Grenzen des Konsums wurde auf den Internationalen Wirtschaftsfilmtagen 2018 mit dem Prix Victoria in Gold ausgezeichnet und ist unter den Gewinnern der Cannes Corporate Media & TV Awards 2018. Baumann und seine Mitstudierenden der Hochschule für Fernsehen und Film München, sowie der Hochschule Macromedia Köln und München haben im Rahmen einer Projektarbeit mehrere Filmclips zu den 17 Zielen produziert. „Wir sind mit einer gesunden Portion Selbstironie und Spaß an das Projekt herangegangen“, erzählt der junge Regisseur.
Dass viel Kreatives entsteht, wenn man junge Menschen mit einbezieht, beweisen auch die Studierenden der Rheinischen Fachhochschule Köln. Wie lassen sich die Ziele zum Stadtgespräch machen? Ihre Antwort: indem wir sie auf Bierdeckel drucken. Eingekölscht natürlich, schließlich sind Kölner echte Lokalpatrioten. „Jede Jeck is anders“, heißt es zum Beispiel bei Ziel 5 zur Geschlechtergleichstellung, oder „Denn he hält m’r zosamme. Ejal, wat och passeet“ zum Ziel 17, Partnerschaften. Diese Idee macht Schule – mittlerweile gibt es die 17-Ziele-Bierdeckel auch im Berliner und Allgäuer Dialekt, weitere Dialekte sind in Arbeit.
Instagram-Aktionen entwickelte #17Ziele in Zusammenarbeit mit der Hamburg Media School und die Ideen zu einer großen Murmelbahn sowie einer digitalen Sanduhr mit Quizfragen zur spielerischen Vermittlung der 17 Ziele kamen von der Vitruvius Hochschule in Leipzig. So beschäftigen sich die Studierenden mit den nachhaltigen Entwicklungszielen und inspirieren Kommilitonen, Freunde und weitere junge Menschen, sich ebenfalls einzubringen.

„Der Wal sucht vergeblich ein Mahl und dem Hecht geht es schlecht.“
Poetry-Slam bewegt – gerade junge, politisch-kulturell Interessierte fühlen sich von den witzigen, nachdenklichen oder provokativen Texten angesprochen. Beim #17 Ziele Poetry-Slam traten in den Vorentscheiden in vier Städten und beim großen Finale in Berlin Slammerinnen und Slammer aus ganz Deutschland gegeneinander an. Rita Apels „Kindergedicht vom Mikroplastik“ war eines der Höhepunkte der Veranstaltungsreihe, ihr Abschlussreim hallte lange nach: „… weil Plastik unkaputtbar ist, die Erde aber nicht.“

Rita Apel beim #17 Ziele Poetry-Slam in Halle

Meeresverschmutzung, Klimawandel oder Konsum – bereits Grundschüler setzen sich mit solchen Themen auseinander. Während der bundesweiten SchulKinoWochen „17 Ziele – EINE Zukunft“ lernen Kinder ab acht Jahren gemeinsam mit ihren Lehrerinnen und Lehrern die 17 Ziele kennen und bekommen über spannende Filme Einblicke, welche Auswirkungen ihr Konsum auf der anderen Seite der Welt hat. Und sie haben dabei verstanden, was Rita Apel in ihrem Gedicht so gut auf den Punkt bringt.


Die vielfältigen Ideen kommen an: Filmclips schaffen es in die Kinos – gewinnen gar Preise –, Bierdeckel werden der Aufmacher der Zeitung und ein Poetry-Slam-Text wird zum Hit. Für Christian Mäntele steht fest: „Kreative Formate und Methoden sind gefragt, um möglichst viele Menschen für die 17 Ziele zu gewinnen und zum Mitmachen zu bewegen.“ Letztlich hängt der Erfolg der 17 Ziele davon ab, dass alle mitmachen. Staaten und Organisationen genauso wie jede und jeder Einzelne – alle können einen Beitrag leisten: sei es Verpackungsmüll zu vermeiden, mehr Fahrrad zu fahren oder in einer Bürgerinitiative aktiv zu werden. Je mehr Menschen mitmachen, desto eher gelingt es, gemeinsam eine bessere, gerechtere und nachhaltigere Welt zu gestalten.


Wenn Jugend forscht und Oma slammt

Reime waren schon immer Rita Apels Ding. Beim #17Ziele Poetry-Slam schaffte sie es bis ins Finale in Berlin. Ihr „Kindergedicht vom Mikroplastik“ ist mittlerweile ein YouTube- Hit mit weit über einer halben Million Aufrufen. Geschrieben hat sie den Text für ihre Enkel. Die beiden haben bei „Jugend forscht“ ein Projekt zum Thema Mikroplastik präsentiert und waren enttäuscht, dass es trotz des dort gewonnen Preises nicht mehr Interesse für das Thema bei anderen Kindern an ihrer Schule gab. Rita Apel hatte eine Idee: „Ich habe einen kindgerechten Text zum Thema Mikroplastik gedichtet und geslammt, der dann bei YouTube hochgeladen wurde – für mehr Aufmerksamkeit in den Schulen.“ Es hat funktioniert, wie die vielen Aufrufe und die Nachfragen von Schulen nach ihrem Text belegen.

Mitmachen:

Mehr Informationen unter
www.17Ziele.de, www.engagement-global.de
Twitter: @17Ziele, Instagram: 17ziele.de, YouTube: #17Ziele