Als Ende März in Deutschland der Lockdown kam und alle angehalten waren, zu Hause zu bleiben, traf es eine Bevölkerungsgruppe besonders hart: die Menschen, die auf der Straße leben. Wie sollten sie sich vor dem Virus schützen? Wo Zuflucht suchen?

In Hamburg leben rund 2.000 Obdachlose, die Dunkelziffer ist unbekannt. Durch die Corona-Krise waren sie plötzlich noch verletzlicher als ohnehin schon. Viele Hilfseinrichtungen mussten ihr Angebot reduzieren. Die Betten in den Notunterkünften standen zu dicht beieinander, das Ansteckungsrisiko war zu hoch. Auch Essenstafeln mussten ihre Versorgung umstellen und Sanitäranlagen, an denen sich Obdachlose sonst waschen konnten, blieben teilweise geschlossen. All das war verheerend, auch, weil Wohnungslose zur Risikogruppe zählen:

Das Leben auf der Straße schwächt das Immunsystem, viele sind vorerkrankt. Plötzlich wussten sie überhaupt nicht mehr, wohin.

Im Hamburger Traditionsunternehmen Reemtsma war man sich dieser Dramatik früh bewusst. „Wie können wir helfen?“, fragte sich der Reemtsma-Vorstand gleich zu Beginn der Krise. Denn Reemtsma ist seit vielen Jahren über eine Partnerschaft mit dem Obdachlosen-Hilfsprojekt Hinz&Kunzt und mit Alimaus, einer Tagesstätte für Obdachlose und bedürftige Menschen, verbunden.

„Das Schicksal der Obdachlosen in der Corona-Krise berührte mich sehr."

Mit diesen Worten blickt Michael Kaib, Sprecher des Vorstands von Reemtsma, zurück. Er beriet sich mit seinem Finanzvorstand. Gemeinsam beschlossen sie bereits Anfang April, eine Spende in Höhe von 300.000 Euro für die sichere, hygienische und menschenwürdige Unterbringung von Obdachlosen zur Verfügung zu stellen.

Ein Mitarbeiter von hinz+kunz im Gespräch mit einem der temporären Hotelgäste ©Mauricio Bustamante

Obdachlose sicher unterbringen

„Nächstenliebe können wir uns immer leisten“ – dieser Gedanke trieb die Unternehmensführung an. Reemtsma gab das Geld zu gleichen Teilen an seine Kooperationspartner Hinz&Kunzt und Alimaus. Beide Einrichtungen arbeiteten mit der Diakonie Hamburg zusammen und taten gemeinsam Unterbringungsmöglichkeiten auf. „Dank der großen Spende hatten wir endlich das Geld, um das machen zu können, was wir von der Behörde gefordert hatten: Menschen in Einzelzimmern in Hotels einzuquartieren. Denn die Obdachlosen brauchten dringend eine Unterbringung, bei der sie Abstand halten konnten“, erzählt Stephan Karrenbauer, Sozialarbeiter bei Hinz&Kunzt.

Regelmäßige Mahlzeiten und saubere Kleidung

Mehr als 170 wohnungslose Menschen konnten im Verlauf jeweils Einzelzimmer in zehn Hamburger Hotels beziehen, die sich an der Initiative beteiligten. Sie bekamen die Chance auf regelmäßige Mahlzeiten, saubere Kleidung und hatten stets die Möglichkeit, mit Sozialarbeitern zu sprechen. Viele der Obdachlosen waren froh, endlich einmal wieder einen Platz zum Ausruhen zu haben.

Und die Initiative berührte auch die Mitarbeiter von Reemtsma. Sie riefen zur internen Spendenaktion auf. Es kamen allein

Spenden der Mitarbeiter für Obdachlose

25.000 Euro seitens der Mitarbeiter zusammen. Und das Unter-nehmen legte noch einmal 25.000 Euro drauf, um die Initiative bis Ende Juni zu verlängern. „Unsere Mitarbeiter haben ein großes Herz gezeigt“, sagt Vorstandssprecher Kaib stolz. „Das macht deutlich, wie wichtig soziales Engagement bei Reemtsma ist und wie eng wir als Unternehmen mit Hamburg und allen Menschen, die hier leben, verbunden sind.“

Kai Greve von Alimaus: „Wir sind überwältigt, dass Mitarbeitende des Unternehmens Reemtsma diese Verlängerung der Unterbringung mit ihren persönlichen Spenden möglich gemacht haben.“ Und Dirk Ahrens, Landespastor und Leiter des Diakonischen Werks Hamburg, sagt: „Die zahlreichen Spenden und das gute Zusammenspiel zwischen Straßen-Sozialarbeiterinnen und -Sozialarbeitern und den engagierten Hoteliers machen die dezentrale Unterbringung zum Erfolgsmodell.“

Die Initiative hatte zudem einen sehr schönen Nebeneffekt. Viele der Obdachlosen konnten sich durch die Unterbringung in sicheren Rückzugsräumen einmal eine Weile vom Leben auf der Straße erholen. Manche entwickelten dadurch neue Zuversicht: Sie halfen mit, wenn es darum ging, die Grünflächen der Herbergen, in denen sie untergebracht waren, zu pflegen oder Arbeiten im Haushalt zu erledigen.

Eigener Wohnraum nach langer Obdachlosigkeit

Fünf von ihnen haben über die Initiative sogar wieder eine sozialversicherungspflichtige Anstellung gefunden, sechs weitere den ersten eigenen Wohnraum nach langer Zeit. Andere wurden unterstützt, sich für Jobs oder eigenen Wohnraum zu bewerben oder Behördengänge zu erledigen. Einer von ihnen sagt: „Ich bin gelernter Maurer. Nach sechs Monaten auf der Straße ist es schwer, sich da wieder rauszuziehen. Man braucht Glück, das hatte ich mit der Initiative.“

Und Vorstandssprecher Michael Kaib betont: „Es freut mich sehr, dass wir den Menschen auf diesem Weg sogar helfen konnten, neue Hoffnung zu finden und nach langer Zeit wieder nach vorn schauen zu können.“

Und noch etwas Schönes hat sich in Hamburg getan: Der Senat beschloss mit seinem neuen Koalitionsvertrag im Juni 2020, ein Housing-First-Modellprojekt für Wohnungslose aufzulegen: Betroffene können mit einem eigenen unbefristeten Mietvertrag Wohnraum beziehen und werden dabei professionell begleitet. Auch über diesen Schritt ist man bei Reemtsma sehr froh.

Wie kann jeder helfen?

· Mit offenen Augen durch die Welt gehen und einen Blick haben für jene, die hilfsbedürftig sind.

· Spenden an entsprechende Einrichtungen leisten, sei es in Form von Geld oder Gütern wie Kleidung, Decken.

· Und natürlich: ehrenamtliches Engagement! Zum Beispiel hier:

www.hinzundkunzt.de (Das Hamburger Straßenmagazin)

www.alimaus.de (Tagesstätte für obdachlose und hilfsbedürftige Menschen)

www.diakonie-hamburg.de

Fotos: © Mauricio Bustamante