Von Berlin zu den Andamanen

Am Rande des Strandes stehend, hebt Katleen Schneider das letzte Stück Plastikflasche auf, ein letzter prüfender Blick. Es ist das Ende eines langen Tages für die Strandsäuberungskampagne auf einer winzigen Insel, tausend Meilen von zu Hause entfernt. Sie ist zufrieden.

Katleen, die seit mehr als elf Jahren in Berlin lebt, hatte sich schon immer leidenschaftlich für alternative Lebensweisen und Nachhaltigkeit eingesetzt. Trotz ihrer Arbeit im Bereich der Digitalisierung innerhalb eines Unternehmens wurde Katleen Schneider schnell klar, dass sie sich für die Abfallwirtschaft interessierte. Durch Selbstschulungen und die Teilnahme an Workshops wurde sie sich des Wertes von Abfall bewusster und verstand die Grundlagen der Abfallsammlung, der Aufarbeitung oder des Recyclings von Wertstoffen.

Da sie in Jugendnetzwerken aktiv ist, lernte sie die Sommer- und Winterschulen kennen, die vom Indo-German Centre for Sustainability (IGCS) organisiert werden. Mit Forschung, Schulungen und Informationsverbreitung setzt es sich für die Förderung nachhaltiger Entwicklungsprojekte in Indien und Deutschland ein. Zufälligerweise sollte das vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) finanzierte Winterschulprogramm 2019 in Chennai, Indien, zum Thema Abfallwirtschaft organisiert werden. Nach einer erfolgreichen Bewerbung lernte Katleen die Nuancen nachhaltiger Abfallwirtschaftspraktiken kennen. Danach war Urlaub geplant – auf den Andamanen-Inseln.  Sie ahnte nicht, dass dies ein Wendepunkt sein würde.

Die einst britische Kolonie Neil Island, die 2018 in Shaheed Dweep umbenannt wurde, gehört zu den 572 Andamanen- und Nikobareninseln Indiens und ist bekannt für ihre weitläufigen Strände, Korallenriffe und eine große Vielfalt an tropischen Fischen und Wasserlebewesen. Sie ist ein Paradies für Taucher und ein beliebtes Urlaubsziel für Inder und Ausländer gleichermaßen. Das bedeutet aber auch, dass die Insel anfällig für die negativen Auswirkungen des Tourismus ist, insbesondere für die Verschmutzung durch Abfälle. Da es auf der Insel keine Aufbereitung des Abfalles gibt, wurde der gesamte, auf der Insel anfallende Abfall, entweder verbrannt oder landete auf der bereits überfüllten Müllkippe der Insel. Aber das war, bis Garima Poonia, eine Umweltenthusiastin vom indischen Festland, kam, um die Dinge zu ändern.

Kachrewaale und Katleen

Garima, die die Insel 2017 besuchte, erkannte schnell die Notwendigkeit der Abfallwirtschaft auf den Andaman Inseln. Sie initiierte 2018 das Kachrewaale-Projekt, das darauf abzielte, die Andamanen-Inseln durch effektive Mülltrennung und Abfallmanagement an der Quelle abfallfrei zu machen. Als Katleen 2019 Garima kennen lernte, war für sie schnell klar, dass sie das Projekt in jeder erdenklichen Weise als Freiwillige unterstützen möchte.

Kurz darauf begann das erste Pilotprojekt zur Einbindung der Hotels auf der Insel Neil, bei dem es darum ging, die wichtigsten Abfallerzeuger zu ermitteln, das Bewusstsein zu schärfen und sie zur Abfalltrennung in verschiedene Kategorien zu ermutigen und schließlich zum ersten Mal den Abfall zur Wiederverwertung und Behandlung von der Insel zu verschiffen.

Um sicher zustellen, dass ein verbessertes Abfallmanagement Realität werden konnte, arbeiteten Garima, Katleen und viele andere Freiwillige unermüdlich daran, eine Lieferkette aufzubauen, die den gesammelten recyclabaren Abfall von der Insel Neil zu den Wertstoffhändlern in Port Blair (der Hauptstadt der Andamanen- und Nikobareninseln) verschifft, die ihn dann zur Weiterverarbeitung nach Chennai verschiffen. Katleen und das Kachrewaale-Projekt haben von der Überzeugung der Hotelverwaltung und der Haushalte, den Abfall zu trennen, bis hin zur Müllabfuhr an den Stränden alles getan, und sie haben noch so viel mehr vor.

Obwohl es keine leichte Aufgabe war, haben die Inselverwaltung und die lokale Bevölkerung die positiven Auswirkungen der Mülltrennung und des Recyclings erkannt. Jetzt geht es vor allem darum, diese Dynamik aufrechtzuerhalten. Wie Katleen bemerkt,

"Bei der Abfallwirtschaft geht es nicht nur um hochentwickelte Technologien. Es geht auch um Verhaltensänderungen. "Es geht darum, seinen Verbrauch zu reduzieren!"

Aktion und Beteiligung der Gemeinschaft

Der Tourismus ist die Lebensader dieser Inseln. Aber es ist eine Herausforderung, ein Gleichgewicht zwischen Tourismus und Nachhaltigkeit zu finden. Durch verschiedene Aufklärungskampagnen werden die örtlichen Ladenbesitzer und die Jugend ermutigt, sich an den Aufräumarbeiten am Strand zu beteiligen, um den ans Land gespülten Meeresmüll aufzusammeln.

Veranstaltungen mit Kindern, wie die von Katleen in Schulen organisierte, waren eine erfrischende Abwechslung für die Schülerinnen und Schüler, die Abfall in verschiedene Materialien trennten und schnell lernten, welcher Gegenstand zu welcher Kategorie gehört, wie Papier, Metall, Plastik, organisch oder Glas. Ihre Forschungsarbeit und ihre Kooperationsbemühungen haben auch den Prozess der Mülltrennung auf Neil Island verstärkt, währenddessen die Haushalte von der lokalen Regierung verschiedenfarbige Abfallbehälter für die Mülltrennung erhielten.

Während Katalysatoren wie Katleen und das Kachrewaale-Projekt für die Einleitung eines solchen Wandels von wesentlicher Bedeutung sind, liegt die eigentliche Verantwortung, ihn weiter voranzutreiben, bei den Menschen, die dort leben. Oft vergessen die Inselbewohner, ihre unmittelbare Natur zu schätzen, während Touristen aus der ganzen Welt auf die Inseln strömen, um ihre Ruhe zu genießen. Die Gemeinschaften auf der Insel und ihre Verbindung mit dem Meer, den Korallen, Palmen oder den unberührten Sandstränden müssen wieder hergestellt werden, und die Inselbewohner müssen wieder mit der Natur in Kontakt treten, um mehr Verantwortung zu übernehmen! Das war eines der wichtigsten Erkentnisse für Katleen, die sich weiterhin für eine abfallfreie Insel Neil einsetzt.

Mitmachen

Hier geht es zum Dokumentarfilm über die beeindruckende Reise der Müllpiraten, die sich für ein effektives Abfallmanagement auf den Andamanen-Inseln einsetzen.

Die kachrewaale-Initiative durch freiwillige Arbeit unterstützen: Die Kontaktaufnahme ist über Instagram @kachrewaale_thewastepeople möglich

Bilder: Katleen Schneider und die Kachrewaale-Initiative