Herr Felber, die Krise ist schon ein bisschen zur Normalität geworden. Wie nutzen Sie diese Zeit?
Ich versuche, konstruktiv meinen Beitrag zu leisten. Heute bin ich auch mit einem zuversichtlichen Gefühl aufgewacht. Gemeinsam mit einer Partnerbank hat die Genossenschaft für Gemeinwohl ihre Mitglieder dazu aufgerufen, einander zu helfen: Wer mehr Liquidität hat als benötigt, kann sie jenen zur Verfügung stellen, die sie dringend brauchen. Es zeichnet sich ab, dass gleich in den ersten Minuten viele Menschen mitmachen und eine Solidargemeinschaft bilden. Das stimmt mich zuversichtlich. Zudem habe ich ein in drei Sprachen verfasstes Videoblog zur Krisenanalyse und Prognose gestartet.

Wir machen uns Sorgen, dass nach der Krise Nachhaltigkeitsthemen in den Hintergrund rutschen und es nur noch darum gehen wird, die Wirtschaft um jeden Preis anzukurbeln. Schon wird eine „klimapolitische Atempause“ gefordert.
Diese dystopische Möglichkeit besteht natürlich, dass es nach der Krise heißt, wir müssten wachsen auf Teufel komm raus. Ich halte das aber für weniger wahrscheinlich. Für möglicher halte ich, dass die Menschheit innehält, nachdenklicher wird. Viele spüren gerade: Entschleunigung tut gut. Das unentwegte Streben nach Wirtschaftswachstum wird zunehmend in Frage gestellt.

Ist es nicht ein irregegangenes Wertesystem, das uns da angetrieben hat? Ich sehe: Für nachhaltige Themen und Gemeinwohlorientierung gehen immer mehr Türen auf. Darum bin ich zuversichtlich, dass das immer mehr Menschen das so sehen. Es gab diese Entwicklungen bei den Menschenrechten, bei der Geschlechtergleichstellung, bei der Demokratiefrage, der Friedensfrage und jetzt auch bei der großen globalen, ökologischen Frage.

Das Interview mit Autor und Aktivist Felber haben wir – wie alle in diesen Zeiten – per Videokonferenz geführt 

In einer Gemeinwohl-Ökonomie stehen der Mensch und auch die Natur im Mittelpunkt. Wäre die Entstehung eines solchen Virus in diesem Wirtschaftssystem  nicht passiert?
Ganz sicher nicht, das lässt sich klar so beantworten. Die Gemeinwohl-Ökonomie geht in ihrem Wertesystem davon aus, dass der Planet ein lebendiger Organismus und unsere Lebensgrundlage ist, die es zu schützen gilt. Wir sehen die ökologischen Grenzen unseres sensiblen, verletzlichen Planeten, die für uns a priori die Grenzen der Wirtschaftsfreiheit sind.

Der Planet ist das größere System, in den die Wirtschaft einbettet ist. Bei jeder wesentlichen Wirtschaftstransaktion, bei jeder Investition, jedem Unternehmen und auch volkswirtschaftlich aggregiert, wird der Zustand der Umwelt und der Ökosysteme mit einbezogen. Wie wirkt sich eine Investition auf die Umwelt, auf das Weltklima, auf die Biodiversität aus? In Maßen dürfen wir die Natur nutzen, zu einem Mindestteil müssen wir sie aber auch schützen.

Und das wäre dann auch gleich der Schutz der Menschheit vor der Übertragung von Viren durch wilde Tiere. Ich denke, es wird sich herumsprechen wird, dass das Virus eine Folge der zu weit gegangenen Umweltbedrängung und Umweltzerstörung durch den Menschen ist. Es waren Fledermäuse, die aufgrund von Umweltstress infektiöser sind. Sie haben das Virus an einen Zwischenwirt, das Schuppentier, weitergegeben, durch das das Virus letztendlich auf den Menschen übertragen wurde.

Fledermäuse tragen Corona-Viren in sich. Es bedurfte jedoch des Schuppentieres als Zwischenwirt, um das Virus auf Menschen zu übertragen ©vishu-vishuma by unsplash

Warum sind Fledermäuse durch Stress infektiöser?
Das ist wie beim Herpes-Virus: Wenn Menschen, die das Herpesvirus in sich tragen, unter Stress stehen, wird ihr Immunsystem schwächer und sie entwickeln eine Fieberblase auf ihren Lippen, über welche das Virus auf andere Menschen übertragen werden kann. Bei Fledermäusen führen Eingriffe in ihren Lebensraum, zum Beispiel durch das Abholzen von Wäldern, Luft-, Lichtverschmutzung oder Elektrosmog zu Stress.

Hinzu kommt das  Fangen und Zusammensperren lebender Wildtiere in kleinen Käfigen auf Märkten. Dies zusammen  begünstigt den Übergang der Viren von einer Spezies zur anderen und schließlich auf den Menschen. Im Falle von COVID-19 war es das Schuppentier, das das Virus letztendlich auf den Menschen übertragen hat. In Asien und Afrika wird es millionenfach gejagt und illegal gehandelt, weil es in China und Vietnam als Delikatesse gilt.

Wenn der Mensch der Natur mehr Rückzugs- und Schutzraum zugestehen würde, wäre das Virus gar nicht ausgebrochen. Es gibt zehntausend weitere Viren mit ähnlicher Gefährlichkeit wie das Coronavirus, die ausbrechen werden, wenn wir den Druck auf die Umwelt noch einmal erhöhen werden. Corona ist kein Einzelfall, SARS und Ebola waren schon Präzedenzfälle, und ich hoffe, dass sich diese Erkenntnis rumspricht.

Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen dem Ausbruch der Corona-Pandemie und dem Schutz der Artenvielfalt?
Das Leben auf der Erde ist ein sehr intelligent vernetztes System, in dessen Nahrungsketten der Mensch fast immer an letzter Stelle steht. Der Verlust an Biodiversität  – so die interdisziplinäre Systemwissenschaft – ist dabei noch gefährlicher als der Klimawandel.

Wenn ein Glied in einer Nahrungskette ausfällt – Beispiel: Bienen –, kann dies zu dramatischen Kettenreaktionen führen, an deren Ende viele Menschen verhungern werden. In diesem vernetzten Superorganismus geht es also darum, das andere Leben zu achten und nicht mit Wirtschaftswachstum, Aneignung, Ressourcenabbau und unbegrenzter Müllproduktion gemeinsame Lebensräume zerstören. Dann wird die Natur sprichwörtlich zurückschlagen, was sie jetzt mit dem Coronavirus ansatzweise tut.

Der Verlust an Biodiversität ist die größte Gefahr für die Menscheit. Das Bienensterben macht das besonders deutlich ©Damine Tupinier, unsplash

Das Jahr 2019 war vom Thema Klimawandel dominiert, 2020 hätte es auch so sein sollen. Wie sieht es jetzt damit aus?
Der Klimawandel birgt eine bedeutend größere Gefahr als Corona. Das Virus bringt viele Tote, und ganz klar: jeder Tote ist einer zu viel. Das Virus kann hoffentlich bald mit Medikamenten und Impfungen unter Kontrolle gebracht werden. Klimawandel ist langfristig viel gefährlicher, weil er irreversibel ist.

Wenn die Folgen eines um zwei Grad gestiegenen Weltklimas mal so richtig spürbar werden, wird das eine viel höhere Zahl an Toten bringen. Der Sportphilosoph Toni Innhauer sagt sogar, die Coronakrise sei nur eine Vorübung für die Herausforderungen, die der Klimawandel mit sich bringen wird.

Warum wird den Warnungen der  Virologen mehr Gehör geschenkt als denen der Klimaforscher?
Das liegt an der Asymmetrie der Informationen: Gerade bekommen wir täglich in Kurven und Statistiken aufgezeigt, wieviele Menschen erkrankt oder gestorben sind. Es wird uns aber nicht täglich mit gleicher Vehemenz vor Augen geführt, wieviel Leid und Tod das gegenwärtige Wirtschaftssystem durch die sozialen und ökologischen Krisen schon jetzt erzeugt und in Zukunft in noch höherem Maße erzeugen wird.

Wie viele Menschen verlieren durch globale Klimaveränderungen alles, werden krank oder sterben? So, wie die Politik derzeit gebetsmühlenhaft auf die Gefahren hinweist, dass Zehntausende sterben könnten und uns die Kosten für die Wirtschaft, aufgezeigt werden, in genau der gleichen Dringlichkeit müssten Politik und Ökonomen dies auch im Hinblick auf den Klimawandel tun. Erst dann haben wir ein intelligenteres, ganzheitlicheres Bild.

Was politischer Wille in nur wenigen Tagen verändern kann, erleben wir gerade. Warum gibt es diesen Willen nicht auch bei Klimaschutz und Artenschutz?
Das finde ich die interessanteste Frage überhaupt. Dass wir Menschenleben und die Gesundheit von Menschen schützen müssen, dem stimmen wir alle zu. Aber dieses gleiche Argument kann man schon heute auch für einen stärkeren sozialen Zusammenhalt, für den Schutz der Biodiversität und für den Schutz des Weltklimas verwenden.

Es gibt starke Lobbies, die verhindern, dass die Parlamente Gesetze auf den Weg bringen, für die die Bevölkerung längst bereit wäre. Die Ausrede der Regierungen, dass die Menschen zu Maßnahmen für den Klimaschutz nicht bereit seien, wird es dann künftig nicht mehr geben. Wir sehen ja jetzt: Wenn die Regierungen etwas wollen, könnten sie auch viel mehr gegen Klimawandel und für Biodiversität tun.

Mit politischen Willen könnte auch für den Klimaschutz viel bewegt werden © Massimo Virgilio by unsplash

Nachhaltiges Verhalten wird oft mit Verzicht assoziiert. "Aufs Auto verzichten“, „auf Fleisch verzichten“ –  wie kann die Einsicht reifen, dass Verzicht nicht negativ sein muss?
Indem wir das Bild vervollständigen und zeigen, was wir gewinnen. Und gleichzeitig aber auch aufzeigen, auf was wir ja jetzt schon verzichten müssen und welche Freiheiten wir durch die jetzige Wirtschaftsweise verloren haben. Ich muss jetzt schon auf das Trinken von Wasser aus Flüssen verzichten, ich muss auf ein sicheres Gefühl verzichten, wenn ich durch die Straßen gehe oder darauf, Freude zu erleben, weil es allen Menschen gut geht.

Ich muss darauf verzichten, dass ich durch mein demokratisches Votum die Fusion von Bayer und Monsanto verhindern kann. Ich muss auf die Biene verzichten und auf immer mehr Arten, die mir lieb sind. Es ist eine unendliche Anzahl von Verzichtsleistungen und Freiheitsverlusten, die schon längst stattfinden. Es wird ein radikal unvollständiges Bild gezeigt, das stets mit der Angst vor materiellem Verlust einher geht.

Und von daher ist es eine Güterabwägung. Ein bisschen weniger Finanzeinkommen, Außenhandelsüberschuss, Bruttoinlandsprodukt, dafür saubere Flüsse, funktionierende Nachbarschaft mit Solidarität und mit Geschenkökonomie, Straßen ohne Armut und Obdachlosigkeit, funktionierende Demokratie, und eine persönliche Agenda, die nicht so überlastet ist und uns aus dem Hamsterrad entlässt. Das alles ist ein riesen Zugewinn an Lebensqualität, die wir durch Verzicht als Geschenk zurückbekommen. Der Verzicht auf ein Gut bedeutet einen Gewinn von anderen Gütern. Von daher ist es für mich nur eine Frage, wie unvollständig oder vollständig ich das Verzichtsbild zeichne.

Vielen Dank für das Gespräch in diesen stürmischen Zeiten.

Mehr Informationen zu Christian Felber und zur Gemeinwohl-Ökonomie gibt es hier.

Mitmachen:


Die auferlegte Pause nutzen, um tief nachzuspüren, was wir wirklich brauchen. Worauf wollen wir  achten? Was wollen wir verändern? Worauf möchten wir verzichten, damit es uns danach  besser geht und wir ein entspannteres Leben führen können? Jeder Mensch kann für sich diese Frage beantwortet und entsprechend handeln. Zum Beispiel:  

· sich für mehr Demokratie und demokratisches Mitentscheiden einsetzen

· sich in die Gemeinwohl-Ökonomie einbringen

· für Tierschutz stark machen

· regionalere Wirtschaftsstrukturen unterstützen

"Wir sind alle gefordert, unseren persönlichen Beitrag zu leisten, so dass wir kollektiv zu einem entschleunigteren, genussvolleren und freudvolleren Leben kommen. Globalen Wettbewerb und stetiges Wirtschaftswachstum brauchen wir dafür nicht."

Christian Felber

©Headerbild: Friedl + Partner