Die Plastic Bank von Gründer David Katz gibt armen Menschen eine neue Perspektive: sie tragen dazu bei, dass weniger Plastik im Meer landet

Icon Ziel 1 der globalen Nachhaltigkeitsziele - keine Armut
Icon Ziel 2 der globalen Nachhaltigkeitsziele - Kein Hunger
Icon Ziel 10 der globalen Nachhaltigkeitsziele - Weniger Ungleichheiten
Icon Ziel 14 der globalen Nachhaltigkeitsziele - Leben unter Wasser

Text: Marc Winkelmann

Wenn Unternehmer sich öffentlich äußern, haben sie eine goldene Regel. Sie lautet: Niemals über andere Firmen herziehen. Schon gar nicht, wenn man mit ihnen noch ins Geschäft kommen könnte. David Katz hält davon nichts.

Der Kanadier hat die Plastic Bank gegründet, ein Sozialunternehmen, das in Entwicklungsländern Plastikmüll von Armen aufkauft. Katz möchte ihnen ein Einkommen sichern und verhindern, dass noch mehr Kunststoffe in den Meeren landet. Damit das gelingt, verkauft er das gesammelte Plastik wieder –an Konzerne, die daraus neue Verpackungen fertigen. Katz ist also auf die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft angewiesen.

Wenn die sich aber weigert, kann sich der 50-Jährige schon mal ordentlich in Rage reden, wie jetzt am Telefon. Er sitzt in Vancouver, der Zentrale seiner Firma, die inzwischen 80 Mitarbeiter hat, und sein WhatsApp-Profilfoto auf dem Display, auf dem er eine verspiegelte Sonnenbrille trägt und frontal in die Kamera grinst, passt so gar nicht zu seiner Tirade über den Konsumgüterhersteller Procter & Gamble. „Ich habe mit den Managern mehrere Gespräche über unser Programm geführt und dass sie Tag für Tag die Umwelt zerstören. Aber die reden nur und handeln nicht. Denen geht es nur um sie selbst“, lästert er. „Das ist eine Krankheit.“

Der Kapitalismus, vor allem der auf Gewinnmaximierung und Ressourcenausbeutung fixierte, ist Schuld an dem desolaten Zustand der Erde. Das steht für Katz außer Frage. Und das omnipräsente Plastik ist für ihn eines der sichtbarsten Zeichen der damit einhergehenden Konsum- und Wegwerfkultur.

Die Plastic Bank trägt zu 14 der 17 Nachhaltigkeitsziele bei, z.B. zu Ziel 1 (Keine Armut) oder Ziel 4 (Hochwertige Bildung)

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts waren Kunststoffe kaum verbreitet. Dann stieg die Nutzung rapide an. Inzwischen setzen Hersteller sie für Kleidung, Smartphones, Stoßstangen, Fallschirme, DVD-Hüllen, Spielzeug, Duschvorhänge, Gasrohre und vieles mehr ein. Sie können nicht ohne, weil das einstige Nebenprodukt der chemischen Industrie flexibel, robust, leicht und billig ist.

Die Kehrseite: Von den 8,3 Milliarden Tonnen, die zwischen 1950 und 2015 weltweit hergestellt wurden, konnten bislang nur weniger als zehn Prozent recycelt werden. Die Plastic Bank will das jetzt ändern. „Zu viele Menschen schauen nur auf die Probleme. Wir brauchen Lösungen, Lösungen, Lösungen.“

Katz, der sich als spirituell bezeichnet und laut eigener Aussage seit seinem 12. Lebensjahr Unternehmer ist, kann sehr überzeugend über die Plastic Bank sprechen. Bei Interviews oder Reden tritt er häufig mit pastoraler, fast beschwörender Miene auf.

Als Kind, sagt er, sei er über den Strand von Vancouver Island an der Westküste Kanadas zur Schule gegangen, über die Jahre musste er aber zusehen, wie immer mehr Plastik in den Meeren und in der Natur und der Umwelt landet. Vor allem in weniger entwickelten Ländern ist das ein Problem. Es fehlt an Systemen zur Entsorgung und zum Recycling und die Menschen vor Ort müssen in dem Müll leben.

In über 300 Sammelstellen in vier Ländern können Menschen ihr Plastik abgeben gegen Geld und Sachleistungen

Um ihnen einen Anreiz zum Sammeln zu bieten, fing David Katz an, dem Plastik einen monetären Wert zu geben. 2013 stellte er in Haiti einen ersten Container auf, malte ihn grün an, besorgte eine Waage und hing ein Preisschild auf. Seitdem können sich Sammler ihre Ware in Bargeld auszahlen lassen oder Sachleistungen erhalten: Strom zum Aufladen ihrer Handys, einen Ofen zum Kochen, der die offene Feuerstelle im Haus ersetzt, eine Behandlung beim Arzt, Versicherungen. „Social plastic“ nennt Katz das, weil nicht nur Straßen, Strände und Wälder gesäubert werden, sondern die Sammler Geld verdienen.

Thomas Müller-Kirschbaum ist fasziniert von diesem doppelten Effekt, wie er sagt. Trotz der zahlreichen Initiativen, die weltweit versuchen, den Plastikabfall in der Welt zu reduzieren, habe er nirgendwo anders ein vergleichbares Geschäftsmodell kennengelernt. Müller-Kirschbaum, der die Forschung und Entwicklung des Bereichs Laundry & Home Care des Konzerns Henkel leitet, arbeitet seit fast zwei Jahren mit der Plastic Bank zusammen.

In der Praxis funktioniert das so: Die in Haiti gesammelten PET-Flaschen und Polyethylen-Kappen werden getrennt voneinander geschreddert und nach Österreich verschifft – „CO2-effizient“, wie man bei Henkel betont. Ein Aufbereiter reinigt die Plastikschnitzel, macht aus ihnen Granulat, anschließend entstehen „Pre-Forms“, Mini-Flaschen, die in der Fabrik zu ihrer echten Größe aufgeblasen und neu befüllt werden.

200 Tonnen wird Henkel der Plastic Bank nach eigener Schätzung in diesem Jahr abnehmen und daraus rund fünf Millionen Flaschen mit einem Recyclinganteil von bis zu 50 Prozent herstellen. Verglichen mit dem Gesamtbedarf entspricht das nur einem „niedrigen Prozentsatz“, wie Müller-Kirschbaum einräumt. Der Düsseldorfer Konzern benötigt weltweit mehrere Hunderttausend Tonnen Kunststoff pro Jahr. Aber der Manager setzt auf Wachstum. „Ich traue es David Katz und seiner Organisation zu, dass sie sich in den kommenden fünf bis zehn Jahren zu einem der zehn größten Recyclern entwickeln.“

Wie viel Henkel dem Sozialunternehmen für das gesammelte Plastik zahlt, will der Hersteller nicht sagen. Für das andere Ende der Lieferkette versichert David Katz, dass Sammler „nur wenige Kilogramm“ abliefern müssen, um die Sachleistungen zu erhalten. Mehr als 300 Collection Center gibt es mittlerweile, sagt er, auch in Indonesien und auf den Philippinen. Die ersten Schulen, Krankenhäuser und Ärzte sind an das System angeschlossen und akzeptieren Überweisungen durch die Plastic Bank; in Brasilien ruft eine Kirche ihre Gemeinde zum Sammeln auf.

Geht es nach dem Gründer, kommen bald weitere Gotteshäuser dazu. Beim Vatikan ist er schon vor einiger Zeit vorstellig geworden, im vergangenen August nun hatte Katz ein Treffen mit dem Papst. Seine Hoffnung: Die Katholische Kirche verbreitet seine Botschaft und ruft ihre Mitglieder dazu auf, weltweit den Müll zu einer Plastic Bank vor Ort zu tragen.

Damit sich die Filialen zügig vermehren, setzt Katz auf digitale Technologien. Betreiber müssten sich bloß einen Plastikverwerter in ihrer Gegend suchen und eine App mit einem Warenwirtschaftssystem auf ihrem Smartphone oder Tablet installieren – schon könne es losgehen. Jeder Sammler erhält ein personalisiertes Konto, über das er mit dem Handy Geld überweisen oder Guthaben ansparen kann. Die finanzielle Abrechnung erfolgt über die Blockchains.

Der Vorteil: „Das System ist dezentral, fälschungssicher und lässt sich leicht skalieren“, sagt Elke Kunde, IT-Architektin bei IBM in Kelsterbach. „Außerdem können die Partnerunternehmen der Plastic Bank von ihrem Standort aus jederzeit lückenlos verfolgen, wo in der Lieferkette sich ihr Plastik gerade befindet.“ Und der Energiebedarf sei auch nicht besonders hoch, versichert sie.

Einige ältere Blockchain-Anwendungen verbrauchten bislang unverhältnismäßig viel Strom, was, wenn die Energie aus fossilen Quellen gewonnen wird, die Erderwärmung befördert. Darauf habe man bei der Entwicklung der Technologie für die Plastic Bank geachtet, so Elke Kunde.

An Nachschub mangelt es nie – wie hier auf den Philippinen

Für David Katz geht es jetzt darum, weitere Partner von seiner Idee einer neuen Weltwährung zu überzeugen. Das können auch Unternehmen sein, die kein Plastik herstellen, ihren Konsum aber nach dem Vorbild der CO2-Kompensation durch Spenden ausgleichen wollen. Neben Henkel sind derzeit die Drogeriekette DM, der Discounter Aldi und SC Johnson dabei, ein US-Hersteller von Reinigungs- und Hygieneprodukten. Noch nicht sehr viele. Einige, wie Procter & Gamble, weigern sich beharrlich.

Katz aber bleibt dran. Sagt, jetzt wieder mit ruhiger Stimme: „Ich tue, was ich kann, und ich werde weiter versuchen, andere zu inspirieren. Meine Hoffnung ist groß, dass wir nicht nur etwas für unsere Umwelt tun können, sondern auch für uns gegenseitig. Wir haben gerade erst begonnen.“

Mitmachen:

Flaschen zum Wiederbefüllen nutzen; wann immer möglich: Obst und Gemüse unverpackt kaufen und Unverpacktläden unterstützen; Seifenstück statt Flüssigseife aus Einweg-Plastikspendern; zertifizierte Naturkosmetik ist frei von Mikroplastik; Pfandsysteme für Coffe-to-go nutzen.
www.plasticbank.com

Bilder: ©Plastic Bank