Immer mehr Modelabels achten auf faire Produktionsbedingungen in den Herstellerländern. Unterstützung bekommen sie auch von der Politik

Icon Ziel 8 der globalen Nachhaltigkeitsziele - Weniger Ungleichheiten
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Text: Iris Rodriguez

Eine Fertigungshalle mit vergitterten Fenstern, Hitze und stickige Luft, Hunderte Frauen sitzen gebeugt über ihren Nähmaschinen, umgeben von Stoffbergen und dem Lärm der rasselnden Maschinen. Im Akkord nähen sie bis zu 16 Stunden am
Tag – Alltag in Textilfabriken in Niedriglohnländern.

Dass Kleidung auch unter fairen Bedingungen hergestellt werden kann, beweisen nachhaltige Modelabels. Noch sind es kleine Unternehmen, aber ihre Zahl wächst stetig. „Wir übernehmen Verantwortung für Menschen, die herstellen, was wir hier verkaufen“, erklärt Andri Stocker vom Modelabel Phyne aus Mannheim.

Als er 2017 mit seinem Partner Dirk Meycke das Unternehmen gründete, stand für die beiden fest: „Wir wollen ein cooles Label entwickeln und es gleichzeitig konsequent nachhaltig umsetzen.“ Schauen, dass es anderen gut geht, in der Herstellung weniger Wasser verbraucht wird, weniger Gifte eingesetzt werden, faire Löhne gezahlt werden.

Dieser nachhaltige Ansatz, so Stocker, entspreche ihrer Vorstellung eines guten, eines feinen Lebensstils – und so kam es auch zum Namen, das Kunstwort Phyne haben sie aus dem englischen Wort „fine“ abgeleitet.

Entwicklungsminister Dr. Gerd Müller bei einem Besuch in einer Textilfabrik in Ghana, 2018

Das Modelabel Phyne und der Grüne Knopf

Phyne gehört zu den ersten Unternehmen, die sich für das im September 2019 eingeführte Siegel Grüner Knopf zertifiziert haben. Dieses vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung im
September 2019 offiziell vorgestellte Siegel ist ein weiterer Schritt auf dem Weg, den Entwicklungsminister Dr. Gerd Müller nach den tödlichen Unglücken in Textilfabriken in Bangladesch und Pakistan bereits 2014 mit Gründung des Textilbündnisses beschritten hat.

„Allen, die immer noch sagen: ,Was geht mich das an?‘ – antworte ich: ,Sie, ich, wir alle tragen Verantwortung für die Menschen, die unsere Kleider herstellen. Wir können nicht länger auf Kosten anderer billig konsumieren‘“, so der Minister.

Ein Textilprodukt mit dem neuen, staatlichen Siegel muss 26 soziale und ökologische Mindeststandards einhalten, wie zum Beispiel die Zahlung von Mindestlöhnen, das Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit oder das Verbot von Weichmachern und anderen gefährlichen Chemikalien. Zusätzlich wird neben dem jeweiligen Produkt das gesamte Unternehmen anhand von 20 weiteren Kriterien geprüft: Legt es Lieferanten offen? Gibt es Beschwerdemöglichkeiten für die Näherinnen vor Ort? Schafft es Missstände ab?

Wichtiger Schritt zu mehr Fairness in der Textilproduktion

In seiner Startphase prüft der Grüne Knopf die Herstellungsschritte „Zuschneiden und Nähen“ sowie „Bleichen und Färben“. In den kommenden Jahren soll das Siegel auch auf weitere Arbeitsschritte ausgeweitet werden, bis Mensch und Umwelt in der gesamten Lieferkette geschützt sind.

„Dass der Grüne Knopf noch nicht bis zum Baumwollfeld geht, ist eine Kritik, die ich hier und da höre“, so Stocker. Es bestünde die Gefahr des Greenwashing, so
die Kritiker. Stocker akzeptiert dieses Argument nicht. Er sieht im Zögern und Zerreden von wichtigen Schritten in die richtige Richtung vielmehr ein typisch deutsches Phänomen. Und hält es lieber mit der 80-zu-20-Regel: „Besser mit achtzig Prozent starten, auch wenn es nicht perfekt ist. Nur so kann man im Tun die fehlenden zwanzig Prozent auch noch erreichen“, davon ist der Mannheimer Jungunternehmer überzeugt.

Minister Dr. Gerd Müller im Gespräch mit Näherinnen in Bangladesh ©Michael Gottschalk/Photothek.net

Wissen, woher die Kleidung kommt

Fair produzierende Labels wissen, woher ihre Kleidung kommt und halten intensiven Kontakt zu ihren Produzenten. „Wir sind mindestens zweimal pro Jahr
vor Ort in den Produktionsstätten, die wir sehr sorgfältig ausgewählt haben“, so Andri Stocker. Agenten vor Ort geben zudem regelmäßig Rückmeldung, ob die Kriterien eingehalten werden.

Durch den verantwortungsvollen Umgang ist diese Kleidung teurer. Doch bei Phyne ist man sich sicher: Die Preise würden sinken, wenn die Nachfrage stiege. Bis dahin schneidert man in Mannheim weiter an der Unternehmenszukunft, verzichtet auf Plastikverpackungen im Lager, versendet bald auch klimaneutral und entwickelt mit seinen Herstellern neue Looks aus nachhaltigen Materialien.

Mitmachen:

Über Nachhaltigkeitssiegel wie Der Grüner Knopf oder GOTS
(Global Organics Textile Standards) informieren; Kleider tauschen oder gebraucht kaufen; Schnäppchen kritisch prüfen (brauche ich das wirklich?)

Bild: © Michael Weniger; © Ute Grabowsky / Photothek.net