Tranformation Design at it's best: Der niederländische
 Designer und Erfinder Daan Roosegaarde schafft saubere Luft, wo eigentlich keine ist. Mit einem Riesenstaubsauger trägt er zu den 17 Nachhaltigkeitszielen bei, indem er Smogpartikel aus der Luft holt und daraus kleine Juwelen macht

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Text: Katharina Finke

Einfach mal durchatmen – das ist in den meisten Großstadtzentren der Welt heute unmöglich. Grund dafür: die Luftverschmutzung. An einem schlechten Tag entspricht der Smog im Zentrum von London etwa dem Konsum von 70 Zigaretten. In Peking kann man nicht einmal mehr bis zur anderen Straßenseite gucken. Das wollte Designer Daan Roosegaarde nicht länger hinnehmen und machte sich auf die Suche nach einer Möglichkeit, den Smog in saubere Luft zu verwandeln. Eine ungewöhnliche Erfindung und wirkungsvolles Beispiel für Tranformation Design.

„Die meisten erklärten mich für verrückt“, erzählt der niederländische Erfinder, der sich davon nicht entmutigen ließ. Zusammen mit seinem Team vom Studio Roosegaarde, das er 2007 gegründet hat, und der Technischen Universität Eindhoven, entwickelte er eine entsprechende Technik:

Ein elektrostatisches Feld, das in einem Turm untergebracht ist und pro Stunde 30.000 Kubikmeter Smogpartikel aus der Luft an sich zieht. „Quasi wie ein Riesenstaubsauger“, erklärt Roosegaarde. Der saugende Turm nimmt innerhalb von eineinhalb Tagen den Smog vom Volumen eines Fußballstadions auf und schafft so – je nach Luftzirkulation – bis zu 70 Prozent saubere Luft.

Der erste Smog-Free-Tower wurde mithilfe einer Kickstarter-Kampagne finanziert und 2015 neben der sogenannten Dreamfactory in Rotterdam, dem Sitz von Roosegaardes Designlab, aufgestellt. Danach ging der ambitionierte Kreative und Tranformation Design Künstler auf große China-Tour. „Ich überzeugte die Regierung in Peking, einen smogfreien Turm aufzustellen“, sagt der Daniel Düsentrieb der Nachhaltigkeit stolz.

Shanghai, wo Roosegaarde eine Zweigstelle hat, sowie weitere chinesische Städte folgten. Seit Anfang des Jahres steht auch in Polen ein Smog-Free Tower. In Indien, Mexiko und Kolumbien sollen die sieben Meter hohen technologischen Meisterstücke Ende des Jahres fertiggestellt werden.

Und was passiert dann mit dem gesammelten Smog? Daraus werden Ringe gemacht. Gepresst und in eine Glas-Box gestellt, kosten die filigranen Kohlendioxidquader 250 Euro das Stück. Gekauft werden sie meist von Hochzeitspaaren oder anderen, denen die Zukunft des Planeten am Herzen liegt, weiß der Erschaffer.

Seit neustem gibt es auch Smog-Free-Manschettenknöpfe. Die Einnahmen werden wieder in neue Projekte investiert. Eines davon: das Smog-Free-Bicycle. Es funktioniert mit der gleichen Technik wie der Smog-Free-Tower: Verschmutzte Luft wird aufgesaugt und über eine Vorkehrung am Lenkrad gefiltert, so dass beim Fahren saubere Luft eingeatmet werden kann, erklärt Roosegaarde. Der Prototyp soll dieses Jahr fertig sein.

Auch wenn das Smog-Free-Projekt weiter wächst, wird es die Probleme von heute, wie den Anstieg des Meeresspiegels, CO2-Emissionen und Luftverschmutzung nicht lösen. Das ist Roosegaarde bewusst. „Aber ich will nicht auf die Veränderung warten, ich will sie selbst schaffen“, sagt der 39-Jährige, der sich selbst mit einer Tennisballmaschine vergleicht, die Ideen statt Bälle ausspuckt. Damit diese Ideen verwirklicht werden können, braucht er Partner. Das sind Kommunen, ebenso wie Unternehmen oder Museen. Sie finanzieren 60 Prozent der Projekte und die anderen 40 Prozent finanziert das Studio Roosegaarde selbst.

So entstanden unter anderem der Van-Gogh-Path in Eindhoven, der aus 50.000 fluoreszierenden Steinchen besteht, um Radfahrern ohne Energieverbrauch in der Dunkelheit den Weg zu weisen. Oder Waterlicht, eine Installation, die den Anstieg des Wasserspiegels mit blauem Licht simuliert.

Derzeit arbeitet Roosegaarde an weiteren Projekten, die sich vor allem der Biotechnologie bedienen, wie Gates of Lights, ein Beispiel für eine energieneutrale Landschaft, die sich Prismen bedient, um das Licht von Fahrzeugen zu reflektieren. Und widmet sich bei seinem Space Waste Lab dem Smog im All.

Der Künstler wünscht sich, dass er mit seiner Arbeit in Zukunft nicht mehr so allein ist, sondern eine Bewegung daraus entsteht: „Lasst uns gemeinsam Technologie und Kreativität nutzen, um die Welt zu verändern, und statt in Problemen lieber in Vorschlägen denken.“

Mitmachen:

Ob Städte, Kommunen oder Museen –überall können Roosegaardes Türme, die ihre Umfeld smogfrei halten, eingesetzt werden. www.studioroosegaarde.net

Headerbild: © Studio Roosegaarde