Wir sprachen mit Herman van Veen über den Kinderrechtsvertrag, Humor als Erleichterung und die Chancen für eine Welt, an die er glaubt.

Herman van Veen, Sie haben sich bereits mit 17 Jahren als Helfer bei UNICEF gemeldet und sind seitdem leidenschaftlicher Verfechter der Kinderrechte. Wie kam es dazu?

Ich hatte bei der UNICEF eine aktive Rolle bei der Präsentation des Kinderechte-Vertrages in New York. Dieser Vertrag ist ganz sicher ein roter Faden in meinem Leben geworden, weil ich glaube, dass wir in einer erheblich friedlicheren Welt leben könnten, wenn wir die Kinderrechte achten würden. Eigentlich wollte ich Lehrer werden, wurde aber Musiker und habe in der Folge die richtige Lösung für mich darin gesehen, beides miteinander zu kombinieren. So ist also zum Beispiel in jedem Abenteuer der Ente Alfred Jodokus Kwak eine Lektion zum Thema Kinderrechte versteckt.

In vier der 17 Ziele geht es um die Rechte von Kindern auf ein besseres Leben. Macht Ihnen das Hoffnung?

In diesem Augenblick haben eine Milliarde Kinder eine ungewisse Zukunft. Keiner kann garantieren, dass sie älter werden als zwölf Jahre. Das sagt viel aus über unsere Gesellschaft. 20 Prozent der Weltbevölkerung scheint das tatsächlich nichts auszumachen. Ich bin davon überzeugt, dass die Welt noch eine Chance hat, wenn es den Kindern gut geht – nicht andersherum.

Seit 1989 gibt es die UN-Kinderrechtskonvention – dennoch werden diese Rechte oft mit Füßen getreten. Was läuft falsch?

Im Niederländischen sagen wir: je bent de kind van de rekening – du bist das Kind einer Rechnung. Es sind immer Ökonomie, Kontrolle und Egoismus, die weit vor den Kinderrechten auf der Prioritätenliste stehen.

Herman van Veen gibt Kindern immer wieder eine Bühne ©Casper von Aggelen

Was war das Schönste, was Sie mit Ihrem Engagement in den vielen Jahren Ihres Einsatzes für Kinderrechte erreicht haben?

Was mir als erstes einfällt: Wir durften im Nationalpark De Hoge Veluwe, dem größten Naturschutzgebiet der Niederlande, ein Denkmal für das Unbekannte Kind errichten. Es ist sozusagen ein Spiegelbild des Denkmals für den Unbekannten Soldaten. Stellen Sie sich einen Kreis von Steinen vor, die so groß sind wie Kinder und die aus der ganzen Welt in die Niederlande gebracht wurden. Man kann dort still stehen bei all den Kindern, die durch Krieg, Verkehr, Krankheit oder Gewalt ums Leben gekommen sind. Bei uns, im Kunstzentrum auf dem Landgut De Paltz in Soest, steht eine Miniatur von diesem Monument, darauf ist folgendes Gedicht zu lesen:

ein stiller schrei

sollten steine träumen können / dann träumten sie von sand / so wie das wasser von der see / und menschen tun’s von später

ein stein hat alle zeit / genauso auch das meer / ein mensch hat mal gerade, und manche von ihnen nicht, eine

zwischen steinen, blumen, bäumen / ein bild von einem kind / verstummt im spiel

für diese letzteren ist dieser ort / damit wir nicht vergessen

Ihre Konzerte sind lange im Voraus ausverkauft, wer in einem war, schwärmt noch lange davon. Wie erleben Sie diese Momente?

So eine Vorstellung ist wie Schnee. Man kann das nicht aufbewahren. Es ist ein Moment, den man zusammen erlebt. Jeder auf seine eigene Weise. Das zu genießen ist ein Privileg.

In einem alten Lied von Ihnen, „Weg da“, heißt es: „Wir haben kein Minütchen, kein Sekündchen mehr, wir müssen uns beeilen. Komm, leg dazu noch einen Zahn, es ist für uns die höchste Eisenbahn.“ Uns scheint: Diese Worte treffen sehr gut auf die heutige Zeit zu.

Damals bedeutete es, dass man zu spät dran ist und irgendetwas übersehen hat. In der Folge gerät man in die Unübersichtlichkeit eines nicht mehr kontrollierbaren Tempos, in dem man versucht zu verhindern, dass eine Lawine daraus wird. Im Niederländischen gibt es ein Sprichwort: Denk gut nach über die Folgen. Mir ist das oft passiert.

© Danny van Kolck

Humor ist für Herman van Veen der Schlüssel zu ... ?

Erleichterung.

Kinder und Jugendliche fordern – nicht erst seit der Bewegung Fridays for Future – dass wir ihnen unseren Planeten so hinterlassen sollten, wie wir selbst ihn von unseren Eltern übernommen haben. Wie stehen Sie zu dieser Forderung der jungen Menschen?

Ich wurde während des Zweiten Weltkriegs geboren. Meine Eltern haben alles getan, um dafür zu sorgen, dass dieser Krieg zu Ende ging. Und als das Ende in Sicht war, hatten sie den Mut, Kinder zu bekommen, die in einer besseren Welt aufwachsen können sollten als die, die sie kennengelernt hatten: eine mit zwei Weltkriegen. So durfte ich 75 Jahre alt werden in einem Land in Frieden. Aber gerade letzte Woche las ich ein Interview mit meinem Altersgenossen John de Vos, einem Paläontologen. Er hofft, dass die heutige digitale Revolution den Untergang der Menschheit beschleunigt, damit die Erde einen Stoßseufzer der Erleichterung von sich geben kann und die Natur wieder blühen und grünen kann. Ich saß nach dem Lesen dieses Interviews ein Weilchen still, schaute nach draußen und war ihm dankbar, dass er so deutlich macht, vor welchem gewaltigen Auftrag wir stehen, um unserer Art noch eine Chance zu geben. Eine Chance, an die ich zutiefst glaube. Ich stehe auf für jeden Baum.

Auf welche Projekte für Kinder können wir uns noch freuen? Was planen Sie gerade?

Im Augenblick sind wir sehr beschäftigt damit, die Vorstellung „Gebroken Glas“ vorzubereiten. Darin geht es um ein syrisches Mädchen, das in die Niederlande geflüchtet ist und sich sehnlichst wünscht, tanzen zu können wie in Tausendundeine Nacht. Aber ihre Familie verbietet es. Sie tut es dennoch – und es geht gut aus.

Über den Künstler:

Mit seinen tiefgründig-humorvollen Liedern begeistert Herman van Veen sein Publikum. Der Goodwill-Botschafter von UNICEF wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz für seine besonderen Verdienste um die deutschniederländischen Beziehungen oder jüngst mit dem Joachim Ringelnatz-Preis. Seit 1963 engagiert er sich in vielfältiger Weise für die Rechte der Kinder dieser Welt. Er ist geistiger Vater von Alfred J. Kwak, einem tapferen Entchen, das zu Weltruhm gelangte. Bis heute hat van Veen 175 CDs, 21 DVDs, 70 Bücher und dutzende Drehbücher veröffentlicht.

Headerbild: ©Jesse Willems